Bilderbesprechung

von Frau  Helene H. v. van der Borchklaas zu Lettgenstein

Arbeitspapier anlässlich der Sonderausstellung

ALLES PFERD oder was?“ im Kunstraum Stall, Werkstatt-Atelier Freiraum


Beschäftigten sich seither die lokalen und regionalen Kunstkritiker und Kunstberichterstatter mit dem Werdegang und den Werken im Allgemeinen des lettischen Schwaben aus Münchingen, des Malers und Plastikers, Gvido Esmanis, der seit nunmehr elf Jahren nach wie vor nicht von, sondern für seine Werke lebt und immer noch seinen künstlerischen Weg neben seiner beruflichen Laufbahn autodidaktisch beschreitet, so nehmen wir heute einmal konkret zwei einzelne Werke des Freiwerkers, wie er sich aus- und nachdrücklich nennt, ins Augenmerk.

Es handelt sich dabei zum einen um das dreiteilige Werk „Quo vadis Pferdesport“ das sich mit der Problematik nicht nur im Pferde- Hochleistungssport befasst.

Zum anderen betrachten wir das zweiteilige Werk „Wilde Mähne“, das sowohl den Intellektuellen als auch den Betrachter einfachen Geistes herausfordern kann.


Beginnen wir zunächst mit dem dreiteiligen haptisch erschaffenem Werk.


Die Dreiteilung sowie die farbliche Gestaltung erlauben die Betonung der kritisch inszenierten Haupthandlung auf dem Mittelobjekt.

Auf den Seitenteilen werden die auslösenden und folgenden Handlungen demonstrativ in Szene gesetzt. Die Leserichtung der thematisierten Geschichte ist wie bei einem Triptychon von links nach rechts angeordnet. Die Größe der Objekte ist wohl gewählt, passend für große Hallen und gleichermaßen für mittelgroße Räume.


Hier zeigen wir auf, wie der Freiwerker im Rahmen eines freien, nur thematisch vorgegebenen Eigenbedürfnisses seiner Kreativität nach intensiver Auseinandersetzung eines heiklen Themas in der Reiterszene mit ausgewogener Literaturrecherche und Studium von Abläufen fern ab der Turnierplätze, freien Lauf lässt und es schafft in seiner expressionistischen freien und kraftvollen Ausdrucksweise – spannend und geheimnisvoll dekorativ zugleich, nackte Tatsachen in der Reiterszene ungeschönt und schonungslos aufzuzeigen.

In den Strukturen ahnt der Betrachter Figuratives, das sich dem Auge erst bei näherem Hinschauen, anfänglich nur schemenhaft, erschließt. Unerklärt bliebe manches Detail im Verborgenen. Was sich übrigens in vielen seiner Werke aus der Frühphase aber auch aktuellen Bilder zu wiederholen scheint.


Im Zentrum des Werkes befindet sich die Kernaussage der Geschichte:

Das gewalttätige Brechen des Pferdes durch den Menschen. Am Beispiel der Hyperflexion, in der Pferdsprache auch Rollkur genannt. „Hier versucht der Mensch ohne jeglichen Pferdeverstand, oft um des schnellen Euro willens, wider aller Lehre um den artgerechten Umgang mit dem Partner Pferd, das Tier letztendlich zu brechen. Um des vermeintlichen Erfolges Willen ist jedes Mittel recht. Hier trennen sich die Aktiven bar jeglicher Verantwortung von den Menschen, die Horsemanship leben. Sei es durch das Rollen in der Dressur oder das Barren im Springsport.“ (Zitat Esmanis)

Bei einer Drehung des Objektes um 90 Grad nach links springt dem geübten Blick sofort und prägnant das Euro-Zeichen entgegen. Hier hat der Künstler bewusst auf das sich fallenlassen und Hineindenken des Betrachters gesetzt. Für manchen bleibt es beim ersten Blick im Verborgenen.


Die Vorgeschichte zu diesem Werk eröffnet sich im linken Bild „Aus über der Trippelbarre“. Die wild nach vorne stürzende Mähne untermalt beeindruckend die blockierend erstarrte Haltung des Pferdes über oder gar vor dem Sprung. Das Hindernis ist offensichtlich unüberwindbar. Die aus dem Springsport entlehnte Szene steht für das vermeintliche Versagen und Fehlverhalten des Tieres im Sport.

Ein Fünkchen Intelligenz würde ausreichen um zu begreifen:

DAS PFERD KANN KEINE FEHLER MACHEN:

Es kann den Mensch nur falsch verstehen! Der Reiter, der immer auf sein Pferd schimpft und ihm die Schuld gibt, wenn etwas misslingt, hat schon verloren bevor er auf sein Pferd steigt. Wir, die Reiter, sollten die Intelligenteren sein und Probleme gar nicht erst entstehen lassen! Zeigt unser Pferd ein Problem auf müssen wir nach der Ursache suchen, nur so können wir es beheben. Dies ist kurz umrissen die Aussage des Künstlers zu diesem Werk als Ganzes.


In dem Bild rechts neben dem Mittelteil nimmt die Geschichte ihren Lauf: Gebrochen, ohne die gewünschte Leistungssteigerung wird das Pferd vom erfogsgeilen Reiter aussortiert. So heißt der Titel dieses Bildes auch „Im Regen stehengelassen“. Die herausgearbeiteten dunklen Regensträhnen symbolisieren die Tristesse dieses Aktes.


In allen drei Bildern verwendet Esmanis sich ergänzende Techniken und Materialien. Acrylfarbe und Sand von einem Reitplatz, Stoffreste ergänzt mit Sägespänen aus der Box seines Pferdes werden vermengt mit einer eigens zusammengesetzten Spezialpastatur und mit Pinsel und Spachtel auf die selbst bespannte Leinwand aufgetragen. Der expressive Mal- und Spachtelduktus, bei rarer Farbpalette, unterstreicht die haptische Bildaussage.

Das Malmesser, der Spachtel und die Pinsel werden dynamisch geführt und das Schicht um Schicht aufgebrachte Material bricht auf, gibt organische Flächen und Linien frei. Schwarze oder weiße Flächen werden zerkratzt und zerklüftet oder geglättet. Er geht ganz ins Material oder schwebt darüber bis es einen dreidimensionalen Charakter erhält. Eine Reliefstruktur entsteht, die sich auch während des Trocknunsprozesses verändert. Die Schmisse auf der Leinwand mit Werksspur - ähnlichem Charakter symbolisieren die Kraft und Lebendigkeit des Schaffensprozesses.

Mit ästhetischen Mitteln kann der Betrachter zum Denken angeregt werden.


Wir denken, dass der Ausflug in diese sehr spezielle Thematik und spezielle Bilderwelt ein gutes Beispiel ist, die Schaffenskraft, die intellektuelle und kritische Beleuchtung eines Themas und die daraus resultierende bildnerische Umsetzung Esmanis’ aufzeigen. Wohl wissend, dass sein Tatendrang meist in explodierenden dekorativ dekuskistisch angelegten Farbspektakuli seinen künstlerischen Ausdruck findet.


Nebenbei erhielten wir einen kleinen Einblick in die Gedankenwelt eines Mannes, für den die Pferde weit wichtiger sind als die Reiter. Dies spiegelt sich bewusst oder unbewusst in all seinen Werken zum Thema Pferd – nirgendwo ist ein Reiter abgebildet.

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Das zweite Werk dem wir uns nun widmen spielt mit wenigen, rund aufeinander abgestimmten Farben. Gelb, orange und verschiedene Nuancen aus Ocker. Brauntöne, ergänzt durch wuchtiges dynamisch aufgetragenes weiß.


Lebensfroh und positiv spricht uns dieses zweiteilige in den früheren Schaffensjahren entstandene Bild an.

Hier zeigen wir auf, wie der Freiwerker themenfrei, unkritisch und rein spielerisch seiner Lust an haptischer Gestaltung auf der Leinwand freien Lauf lässt. Das Bedürfnis nach dreidimensionalem Gestalten, welches er auch beim Arbeiten mit dem Erdenmaterial Ton auslebt ist hier und immer wieder in seinen Bildern zu finden.


Auf den ersten Blick erahnen wir in den Schluchten und Gräben des Materiales keinerlei figuratives Element. Es beeindruckt das ausgewogene, wie per Zufall angelegte Verhältnis und die Anordnung der Farben, begrenzt durch den die Farbenexplosion eindämmenden weißen Rand.


Bei diesem Werk bewegt er sich im Bereich der abstrakten, abgewandt der konkreten Malerei. Dabei macht er es dem Betrachter nicht ganz leicht, denn der Pferdekopf mit der wehenden weißen Mähne schält sich erst nach intensiver Betrachtung des Zweiteilers langsam aus den emotional und vital aufgetragenen mehrschichtigen und zerfurchten Materialien heraus, ähnlich, wie dies bei einem Vexierbild ist.


Erschwerend hat der Künstler die Ebenen in den zwei Bildern verschoben. Hier arbeitet er mit meist in der klar geometrischen Bildsprache verwendeten kalkulierten Verschiebungs- bzw. Bewegungseffekten. So wird das Auge des Betrachters in besonderer Form gefordert. Dieses mit lebhaftem Gestus inszenierte Bild ist geprägt durch die Präsenz der Farben und der Materialität, die ein haptisches phantasievolles Erleben geradezu provozieren. Wir erhalten hier einen kleinen Einblick in die Lebensfreude des Freiwerkers, gepaart mit Verbundenheit zum Lebewesen Pferd

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 Zitat:

„Geboren zu sein – inmitten Europas in der jetzigen Zeit - das ist ein Geschenk! Allein schon deshalb war und ist die Welt für mich ein Platz um selbstverantwortlich mit eigener Kraft mein Leben als Regisseur

bunt und dankbar phantasievoll zu gestalten.“


Und eben diese Phantasie legt uns der Freiwerker in seinen Objekten zu Füßen. Und es liegt an uns, das Angelegte zu entdecken, oder mit dem eigenen Spachtel der Phantasie andere Figuren hineinzumalen.


Helene H. v. van der Borchklaas zu Lettgenstein.

Oktober 2010