Die Pferde gehen – Kunst macht sich breit

Pferdestall wird zum Kunstraum

am 25. September in Münchingen


„Als ich vor mehr als zwanzig Jahren nach Münchingen kam waren noch fast hundert Pferde im Ortskern in den Höfen der Landwirte und Pferdezüchter untergebracht.“ Weiß Gvido Esmanis der zweite Vorsitzende des Reitvereins in Münchingen zu erzählen. In den 50gern Jahren waren es gar mehr als dreihundert der edlen Tiere. Heute verlassen immer mehr den Kern. So auch in der Ziegeleistrasse bei Karl Schmid, dem ehemaligen Vorstand des Reit- und Fahrvereins Münchingen. Neben den Kühen waren bis zu zwanzig Pferde in seinem Stall untergebracht.


Nun ist das letzte Pferd ausgezogen. Die Gelegenheit für den „Freiwerker“ wie er sich selbst bezeichnet, den kompletten Stalltrakt für ein Wochenende zum Kunstraum zu erklären.

Plastiken aus gebranntem Ton, erdenfarben oder bunt, meist skurril, werden neben abstrakten Bildern im gesamten Stalltrakt ausgestellt. In den Werken verbergen sich oft Linien, Konturen oder Farbflächen entlehnt aus der Anatomie des Pferdes.


Vielfach mit dem Pferd verbunden

Im vierten Jahrzehnt ist der heute 57-jährige mit Pferden verbunden. Schon sein Geburtsort passt dabei in seine Vita. Der Name Stuttgart entspringt einem im zehnten Jahrhundert gegründeten Gestütshof, einem „Stuotgarten“, wie es im Mittelhochdeutschen heißt. Gefallen an den Pferden fand Esmanis als er als Leiter einer lettischen Volkstanzgruppe, seine Eltern kamen nach dem zweiten Weltkrieg aus Lettland nach Deutschland, das Freizeitprogramm zusammenstellte und einen Besuch in einem Reitstall organisierte. Für seinen weiteren Lebensweg war dies entscheidend: „ich bin beim Reiten hängen geblieben“ so der passionierte Reitersmann. Einige Pferde nannte er schon sein eigen; Mit einer Berufsreiterin an der Seite wurden junge Pferde ausgebildet, auf Vielseitigkeitsturnieren war man bis zur mittelschweren Klasse unterwegs. Reiten war jahrelang das „Ein und Alles“. Mittlerweile steht das Gestalten von abstrakten Pferdeobjekten und Bildern im Mittelpunkt seiner Freizeitaktivitäten. Geritten wird heute noch sporadisch auf „Quasar“ (zu Deutsch: sternenähnliches Objekt) der im Besitz seiner Lebensgefährtin ist. Auch beruflich kreuzen Ross und Reiter oft die Pfade des Letten mit schwäbischem Akzent nämlich als Berater im Verkauf von Pferdeergänzungsfuttermitteln; vom Umgang mit den Zusatzstoffen profitiert auch der Württemberger Wallach.


Skurrile Pferdeplastiken standen am Anfang seines schöpferischen Schaffens, mittlerweile entstehen auch Bilder aus Acryl und anderen Materialien wie zum Beispiel Sand oder Holzspänen aus der Reithalle des Münchinger Reitvereins in dem er zweiter Vorstand ist. Mit dem Formen des Erdenmaterials Ton, mit diesem Handwerk als Kunst kam er erstmals bei einem Managerseminar in Kontakt. Dabei versuchte eine Kunstpädagogin den Führungskräften einen „erweiterten Horizont“ zu verschaffen (Esmanis). „Die Zeiten als Geschäftsführer und das organisieren von Managerseminaren waren also doch für was gut“ schmunzelt der Freiwerker heute amüsant.


Zu Kunst befragt - wird’s schwierig: Kann man Kunst einfach so machen? Kann ein Freiwerker Kunst machen? Unüberschaubar sei die Anzahl der Interpretationen was denn Kunst nun sei - so Esmanis. Mehrere Aufsätze hat er darüber geschrieben. Bei seinen Arbeiten spielt er gefällig mit der Definition einer bestimmten Stilrichtung: die in den 1970er Jahren in Italien mit der auch als Transavantgarde bezeichneten Arte cifra. Hier nahm die postmoderne Malerei ihren Anfang. In Deutschland wurden die Künstler der Postmoderne wegen ihrer "heftigen" Malweise und der lustvollen Verwendung von Farben als "Neue Wilde" bezeichnet. Ihre Bilder sind manchmal voller Rätsel, oft auch verschlüsselt, bieten aber manchmal Chiffren zu Lösungen an. „Will man im Zusammenhang meines Tuns von Kunst sprechen, tangieren einige meiner Werke tendenziös diese Stilrichtung. Mir kommen die dafür als typisch definierten Merkmale entgegen: der spielerische Umgang mit Materialien, die Freiheit des extremen Stilpluralismus und das bewusste oder unbewusste verwischen der Grenzen zwischen Kunst und Kitsch; auch der Vorwurf der Beliebigkeit – da macht „Kunst“ richtig Spaß (hier zwinkert Esmanis verschmitzt). Durch meine Bilder und Plastiken kreire ich den „Dekukismus“.

Was das ist? Diese Geschichte erzählt der Freiwerker Esmanis gerne jedem Interessierten bei seiner Sonderausstellung im Pferdestall.